DRAMATURGIE

Eben noch wirbelten Buchstaben in einem riesigen Strudel durch den Raum. Nun zeigt sich malerische Idylle, Vögel flattern umher, ein Hase sonnt sich am Waldrand. Jäh wird die Ruhe durchbrochen: der schwarze Schatten eines Hundes stürmt heran, eine wilde Jagd beginnt, die den Hasen und seinen Jäger immer tiefer in den Wald treibt. Der Raum öffnet sich, die düstere Kulisse eines bedrohlichen Waldes tut sich auf. Vor fast schon 2000 Jahren in realen Stein gemeißelt ist das Ergebnis der Hatz zu sehen, auf das nun die Aufmerksamkeit gelenkt wird: Stolz präsentiert der reitende Jäger seine Beute. Nachdenklich kommentiert Albinius Asper, die in seiner Trauer gefangene Hauptfigur, die Szene: „Der Jäger denkt jede Sekunde an seine Ehefrau, genau wie ich jede Sekunde an meine denke.“

Im Zentrum des medialen Raumtheaters steht die Einbindung der berühmten „Gräberstraße“ des Museums. In dem ca. 600 Quadratmeter großen, halbrunden Museumssaal sind etwa 50 monumentale römische Grabdenkmäler ausgestellt. Einige davon, wie das „Weinschiff“ oder das „Schulrelief“, sind weltbekannt. Die meisten der beinahe zwei Jahrtausende alten Monumente wurden in Neumagen nordöstlich von Trier gefunden. Sie zeigen auf eindrucksvolle Weise Szenen aus dem bürgerlichen Leben im römischen Trier.

Ausgehend von diesen antiken Originalexponaten im Landesmuseum haben die Drehbuchautoren unter der Regie von TAMSCHICK MEDIA+SPACE für die Inszenierung eine fiktive Geschichte in fünf Episoden mit Prolog und Epilog entworfen, deren Rahmenhandlung von dem Geschäftsmann Gaius Albinius Asper und dem Göttersohn Merkur getragen wird. Die einzelnen Motive auf den Grabsteinen selbst bilden die Impulse für die Entwicklung einzelner Szenen innerhalb der Gesamtgeschichte.

„Im Reich der Schatten“ ist von den frühesten Formen römischen Theaters inspiriert. Die Inszenierung bedient sich dessen typischer komödiantischer Charaktere und verwendet Fragmente antiker Originaltexte in abgewandelter Form, etwa von Ovid, Horaz, Lukian und Vergil, und orientiert sich sowohl motivisch als auch stilistisch an diesen Texten. Gänzlich neu ist jedoch die 360-Grad-Konzeption im Raum: Die Besucher erleben die Rahmenhandlung und die fünf Einzelepisoden inmitten des Ausstellungssaals und werden von jedem Standpunkt aus in die Inszenierung einbezogen. Sie sind nicht vom Werk getrennt, sondern Teil des Spiels mit Raum, Zeit und poetischer Illusion.